Aktuelles

17.10.: Die Stadt der Träumenden Bücher – Ein Roman wird zur Graphic Novel
25.10.: Teil 1 – »Machst Du eigentlich irgendwann mal wieder einen Comic?«
13.11.: Teil 2 – Am Anfang war das Wort. Walter Moers über die Textgestaltung des Comics
21.11.: Teil 3 – Welche Form hat das Orm?
28.11.: Teil 4 – Von Doppelseiten, einer Ausklapptafel und dem Glossar
12.12.: Teil 5 – Der Comic als Teamarbeit
Demnächst: Teil 6 – Die Maquetten

DIE STADT DER TRÄUMENDEN BÜCHER - Ein Roman wird zur Graphic Novel

Seit mehreren Jahren hat Walter Moers zusammen mit dem Illustrator und Comiczeichner Florian Biege an einer Umsetzung des Zamonienromans »Die Stadt der Träumenden Bücher« in eine Graphic Novel gearbeitet. Nun kann das opulente Werk endlich erscheinen, in zwei Bänden: im November 2017 Band 1 und im Januar 2018 Band 2.

Diese Graphic Novel, für die Walter Moers das Szenario gezeichnet und die Texte geschrieben hat, und die von Florian Biege am Computer in Farbe gemalt worden ist, darf man zu den aufwändigsten Comicproduktionen unserer Zeit zählen. Die beiden Künstler haben bereits in die Vorbereitung dieser Zamonic Novel jede Menge Zeit und Energie investiert, um ihrem eigenen Qualitätsanspruch, aber auch den Erwartungen einer gespannten Fangemeinde gerecht zu werden. Das Ergebnis ist eine Adaption des Romans, die ohne Handlungskürzungen eine Fülle von faszinierenden Visualisierungen bietet, die den Kontinent Zamonien erstmalig lebendig werden lässt. Protagonisten, Nebenfiguren, Schauplätze, Architektur – aus dem Kopfkino des Romans wird das Bilderkino der Graphic Novel.

Um allen Aspekten des Romans gerecht werden zu können, umfasst diese außergewöhnlich elaborierte Adaption zwei Hardcover-Bände. In Band 1 ergänzen eine vierseitige Ausklapptafel und ein reich illustriertes Glossar die Bildergeschichte und zeigen eindrucksvoll, wie Walter Moers selbst sich sein Zamonien in allen Details bildlich vorstellt. Band 2 enthält ein mehrseitiges »Making of« und dokumentiert die Zusammenarbeit der beiden Künstler.

1. »Machst Du eigentlich irgendwann mal wieder einen Comic?«

von Walter Moers

Diese Frage wurde mir, seitdem ich Romane schreibe, immer wieder gestellt. Ich antwortete dann meistens ausweichend, auch wenn ich mir die Frage gelegentlich selbst stellte. Ich murmelte irgendwas in der Art wie »ja … wahrscheinlich, ich arbeite daran …« oder »ich hab’ da so ein paar Ideen …« und wechselte schnell das Thema.

In Wahrheit war beides gelogen. Den Teufel habe ich getan, und Ideen hatte ich auch keine. Dabei habe ich die Arbeit an Comics vermisst, seitdem ich damit aufgehört habe. Denn es war immer eine sehr angenehme und einträgliche künstlerische Betätigung, die mir große Befriedigung verschafft hat. Und es war alles so viel einfacher als Romane zu schreiben! Achtundvierzig DIN-A-4-Seiten gezeichnet – und fertig ist ein Comic-Album. Ein Traumberuf! Ich habe in meiner Comiczeit bis zu drei Bücher pro Jahr veröffentlicht. Bei den Romanen schaffe ich bestenfalls alle drei Jahre ein Buch, wenn ich Glück habe.

Aber meine Liebe zum Comic hab ich mir als Leser erhalten und sehe mir oft und manchmal neidvoll an, was die Kollegen da so produzieren. »Warum habe ich eigentlich damit aufgehört?« Eine gute Frage. Genau wie: »Machst Du eigentlich irgendwann mal wieder einen Comic?«

Wahrscheinlich waren diese beiden Fragen der Grund, warum ich vor ein paar Jahren Kontakt zu dem Illustrator Florian Biege aufgenommen habe, dessen Arbeitsproben auf seiner Webseite mich sehr beeindruckt hatten. Aus diesem Kontakt ist schließlich tatsächlich ein Comic geworden – oder eine »Graphic Novel«, wie Verleger und Buchhändler heutzutage lieber sagen. Florian und ich kamen rasch überein, in Gemeinschaftsarbeit einen Zamonien-Comic zu machen. Wir entschieden uns für eine Adaption meines Romans »Die Stadt der Träumenden Bücher«. Schwer zu sagen, ob wir uns in diese Unternehmung genauso begeistert gestürzt hätten, wenn wir geahnt hätten, dass sie einige Jahre unserer Lebenszeit beanspruchen würde. Die Überlegung ist müßig, denn wir haben es getan, und der Comic ist jetzt fast fertig: Zwei Bände in Farbe mit Ausklapptafel und Glossar. Es hat allerdings genauso lange gedauert wie die Arbeit an einem Roman. Also doch eine Novel, wenn auch »graphic«?

Meine erste größere Skizze für dieses Projekt war dieses Portrait von Hildegunst von Mythenmetz, dem Helden des Romans. Aus ihr ist schließlich das Cover für den ersten Band unserer Graphic Novel geworden. Sie war vielleicht die Antwort auf diese jahrelang an mir nagenden Frage: »Machst Du eigentlich irgendwann mal wieder einen Comic?«

Sie lautet: »Ja.«

2. Am Anfang war das Wort

von Walter Moers

Jedes nicht verwendete Wort in einem Comic ist ein gutes Wort. Comics sollten ihre Geschichte so weit wie möglich über die Bilder erzählen und so wenig wie möglich über Texte und Sprechblasen. Das ist jedenfalls meine Meinung, zumindest bevorzuge ich selber Bildergeschichten, die sich an diese Regel halten. Schon die Bezeichnung »Graphic Novel« mag ich nicht besonders. Sie signalisiert prall gefüllte Sprechblasen, literarischen Anspruch und graphische Langeweile. Ich verbinde mit dem Begriff zwanghaft holzschnittartige Schwarzweiß-Graphiken, in denen Texte von Franz Kafka gründlich missverstanden werden.
Das sind kesse Sprüche, besonders wenn man als Autor eines dicken Romans plötzlich vor dem Problem steht, diesen in eine Bildgeschichte umzuwandeln. Ich sage ausdrücklich umwandeln – und nicht einkochen, kürzen oder konzentrieren. Denn es war unser Anspruch, den Roman inhaltlich komplett zu erzählen, keine Figur, keinen Handlungsort und keine Szene auszulassen. Außerdem bin ich für einen ausufernden, abschweifenden und detailbesessenen Schreibstil notorisch bekannt – wie lässt sich das mit einem Comic vereinbaren?

Mit viel Arbeit. Ich musste etwas tun, was ich nur sehr ungerne und so gut wie nie mache: mein eigenes Buch nach langer Zeit selber noch einmal, bzw. mehrmals lesen und dabei die wirklich unverzichtbaren Textstellen herausfiltern und auf Sprechblasentauglichkeit umarbeiten. Und eben doch genau das tun, was ich eigentlich nicht wollte: einkochen, kürzen, konzentrieren. Aber eben auf das Wesentliche. Das war für mich das Schwierigste und Quälendste an meiner Arbeit für diese Zamonic Novel, wie wir sie schließlich hausintern genannt haben.

Es waren die Listen und Aufzählungen, die zahlreichen Buchtitel und Inhaltsangaben von fiktiven Romanen, literaturparodistische und satirische Elemente, etliche Anagramme von Dichternamen und inhaltliche Abschweifungen, die nicht zur Handlung beitragen, die nicht ihren Weg in den Comic geschafft haben.
Wir haben sogar überlegt, die anagrammierten Namen auf dem Vorsatzpapier oder den Blatträndern unterzubringen. Aber schließlich haben wir entschieden, dass auch Dinge übrigbleiben sollten, welche diejenigen Leser, die den Roman erstmals über den Comic wahrnehmen, bei einer reinen Textlektüre noch entdecken können.
Florian Biege hat mich dann bei der Seitengestaltung immer wieder angehalten, auf die Kraft des Bildes zu setzen und auf den einen oder anderen Dialogsatz oder auch mal eine ganze Sprechblase zu verzichten. Und so habe ich mich bemüht, nichts im Text zu erzählen, was das Bild schon selber erzählt. Das hat sehr geholfen.
Trotzdem trauere ich ein wenig der satirischen Kritik am Literaturbetrieb nach, ein paar literaturhistorischen Anspielungen und Witzen sowie Gedichtparodien, die es nicht in den Comic geschafft haben. Ich tröste mich aber damit, dass wir in den Bildern viele andere Dinge, Details und Anspielungen bieten, die es im Roman nicht gibt.

3. Welche Form hat das Orm?

von Walter Moers

Als Florian Biege und ich anfingen, konkret an dem Comic zu arbeiten, habe ich selbst zum ersten Mal richtig begriffen, wieviel man als Romanautor der Phantasie des Lesers überlässt – selbst ein Autor wie ich, der seine Bücher üppig illustriert. Ich war erstaunt, wie viele Details des Romans der Phantasie – meiner und der des Lesers – überlassen waren.

Und vor allen Dingen sahen wir uns mit der Frage konfrontiert: Wie stellt man das alles dar, ohne die Vorstellungen der Leser zu enttäuschen? Ist das überhaupt möglich? Wenn wir das bei der Planung konsequent zu Ende gedacht hätten, hätten wir es wahrscheinlich mit der Angst bekommen und wären das Wagnis gar nicht erst eingegangen. Aber wir hatten diesen Gedanken in der Euphorie des Anfangs nicht, und irgendwann war es dann zu spät.

Also mussten wir uns während der Arbeit zahllosen konkreten Fragen stellen, um sie zeichnerisch zu beantworten: Wie sieht die Architektur der Stadt Buchhaim eigentlich konkret aus? Womit ist Phistomefel Smeiks Buchstabenlaboratorium eingerichtet? Wie kann man Trompaunenmusik zeichnerisch darstellen? Womit ist eine Spinxxxxe gepanzert? Wie sieht der Riesenwurm von Unhaim aus? Wie groß ist der Schattenkönig? Welche Rüstungen und Waffen tragen all die Bücherjäger, die ich für den Roman noch nicht illustriert hatte? Welche Anatomie hat ein Harpyr? Wie sieht das Antiquariat der Schreckse von außen aus? Wie eine Buchhaimer Großbuchhandlung, wie ihre Kunden? Aus welcher Art Ziegel ist Schloss Schattenhall gemauert? Wie ist das Licht einer Quallenfackel beschaffen? Und welche Form hat eigentlich das Orm?



Um die obengenannten Fragen – und viele andere mehr – zu beantworten, haben wir Bücher gewälzt, das Internet durchforstet, skizziert, fotografiert, gezeichnet, gemalt, entworfen und verworfen. Und ich habe meine Schwarz-Weiß-Illustrationen des Romans neu durchdacht und erweitert.

Eine der zentralen Fragen war: Wie sieht eigentlich Buchhaim aus? Hintergründe und Schauplätze brachten zahlreiche Probleme mit sich. Für die Architektur, die Kostüme, die Alltagsgegenstände, Verkehrsmittel und das Mobiliar eines phantastischen Kontinents reichten unsere kulturhistorischen Recherchen leider nicht aus, aber sie waren hilfreich. Da Buchhaim im Roman einer europäischen mittelalterlichen Stadt ähnelt, die nur gelegentlich von Gebäuden aus anderen Kulturkreisen durchsetzt ist, gingen wir zunächst auf die Suche nach entsprechendem Bildmaterial. Um einerseits nicht wieder nur das Internet und Bildbände zu konsultieren, andererseits um architektonische Gesamteindrücke zu bekommen, fuhr Florian für mehrere Tage nach Brügge, um dort Hunderte von Fotos zu machen, während ich nach Lüneburg, Lübeck und Stade fuhr und jeweils die Altstadt dokumentierte.

Schwieriger war es mit Vorbildern für die unterirdischen Schauplätze, die Katakomben. Hier mussten wir uns vor allem auf die eigene Phantasie verlassen. Jede einzelne Örtlichkeit, von der Bibliothek der Smeiks über den Bahnhof der Rostigen Gnome bis hin zu Schloss Schattenhall, sollte ihr unverwechselbares Aussehen bekommen. Besonders die Lederne Grotte hatte es in sich. Dafür mussten wir nicht nur eine eigene unterirdische Umgebung, eine Synthese aus Natur und Architektur, erfinden, sondern die komplette hoch entwickelte und bislang unbekannte Kultur eines unterirdischen Zwergenvolkes – der Buchlinge – bis ins kleinste Detail der Ornamentik, der Technologie und der Möblierung.

Ob wir mit dem Endergebnis nun sämtliche Phantasievorstellungen aller Leser erfüllen oder gar übertreffen können, wage ich zu bezweifeln. Aber eines kann ich guten Gewissens behaupten: Wir haben es versucht.

4. Von Doppelseiten, einer Ausklapptafel und dem Glossar

von Walter Moers

Eines unserer größeren Probleme bei der Umsetzung bestand darin, die Detailfülle, die zahlreichen Einzelheiten, Aufzählungen und Mythenmetzschen Abschweifungen des Romans auf den Comic zu übertragen. Deshalb kamen Florian und ich auf den Gedanken, große Panoramabilder und vielleicht sogar Ausklapptafeln in die Handlung einzubauen, auf denen möglichst viel auf einen Blick zu sehen ist und bei näherer Betrachtung viele Ostereier zu entdecken sind. Die Idee, neben opulenten Doppelseiten regelmäßig Ausklapptafeln einzustreuen, mussten wir leider verwerfen, weil es die Herstellung der Bücher extrem verteuert und sie im Verkauf zu hochpreisig gemacht hätte.

Daher haben wir uns mit unserem Verleger Wolfgang Ferchl auf eine einzige, dafür besonders große Ausklapptafel geeinigt, welche die Lederne Grotte in allen Einzelheiten darstellt. Sie entpuppte sich dann für Florian Biege und mich als die größte, arbeitsreichste und kreativ herausforderndste Aufgabe.

Aber das Prinzip der detaillierten Doppelseite haben wir als durchgehendes Stilmittel für beide Bände der Graphic Novel verwendet, auf die wir zum Teil viel Recherche-Arbeit verwendet haben.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man. Und ein sehr großes Bild sagt mehr als eine Mythenmetzsche Abschweifung.

Trotz Doppelseiten und Ausklapptafel blieb eine Fülle zamonischer Details übrig, die leider nicht auch noch auf den Comic zu übertragen war. Und so kam uns der Gedanke, den Comic mit einem üppig illustrierten Glossar anzureichern, das an illuminierte Handschriften des Mittelalters erinnern sollte. Für dessen Textgestaltung konnten wir die Zamonien-Expertin, Dr. Anja Dollinger gewinnen, die bereits das »Zamonienlexikon« geschrieben hat. Dieses Glossar haben wir dem ersten Band des Comic beigefügt.

5. Der Comic als Teamarbeit

von Walter Moers

Florian Biege und ich haben den Comic zusammen geschaffen, dabei aber immer getrennt voneinander in zwei verschiedenen Städten gearbeitet, Florian Biege in Münster und ich in Hamburg. Die Kommunikation lief über Telefon und Computer. Jede Seite der Graphic Novel entstand nach der gleichen Methode, immer in fünf Schritten:

1. Ich skizzierte zuerst mit Bleistift oder dünnem schwarzen Filzstift die Szenario-Seite und schrieb den Text in die Sprechblasen oder Textkästen.

2. Wir diskutierten diesen Szenario-Entwurf, und Florian setzte ihn anschließend in eine Schwarzweiß-Skizze in seinem eigenen Stil um.

3. Von hier an änderte sich inhaltlich an einem Panel kaum noch etwas. Florian verwandelte dann seine Schwarzweiß-Skizze in eine farbige.

4. Dann machte Florian eine erste farbige Zwischenfassung des Bildes, die wir uns noch einmal gemeinsam ansahen. In die Farbgestaltung der Szenen habe ich mich nie eingemischt, weil mir von Anfang an klar war, dass es klüger und zeitsparender wäre, in dieser Hinsicht Florians malerischen Instinkten und Fähigkeiten zu folgen.

5. Im letzten Schritt fertigte er die finale Fassung. Daran gab es so gut wie nie eine Änderung, nur dann, wenn Florian sich dazu selbst im Nachhinein entschloss. Als der erste Band fertig war, hat er zum Beispiel noch einmal die ersten Seiten wochenlang überarbeitet, weil sie ihm im Vergleich zu den Letzten nicht mehr genügten.

In der finalen Nachbearbeitung wurden dann die Sprechblasen, Textkästen und das Handlettering von Michael Hau eingepasst.

Trotz Doppelseiten und Ausklapptafel blieb eine Fülle zamonischer Details übrig, die leider nicht auch noch auf den Comic zu übertragen war. Und so kam uns der Gedanke, den Comic mit einem üppig illustrierten Glossar anzureichern, das an illuminierte Handschriften des Mittelalters erinnern sollte. Für dessen Textgestaltung konnten wir die Zamonien-Expertin, Dr. Anja Dollinger gewinnen, die bereits das »Zamonienlexikon« geschrieben hat. Dieses Glossar haben wir dem ersten Band des Comic beigefügt.

Demnächst: Teil 6 – Die Maquetten

Die Stadt der Träumenden Bücher. Graphic Novel. Teil 1: Buchhaim

Die Stadt der Träumenden Bücher. Graphic Novel. Teil 2: Die Katakomben